Kurzgeschichte: „Was einmal war“

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So, und hier kommt sie nun, meine Kurzgeschichte von der Lesung gestern. Selbige hat übrigens gut geklappt, ich habe mich weder verhaspelt noch mein Wasserglas über den Text gegossen noch sonst etwas. Es wurde auch applaudiert und nachher gelobt und nach der Veranstaltung war ich noch mit ein paar Leuten was essen und trinken, das war auch sehr nett. Also: Ich würd’s wieder tun.

Und nuuuun…*trommelwirbel*…präsentiere ich:

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Was einmal war

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Ich schreibe dir ein Märchenbuch.
Das Papier knistert unter meinen Händen. Blöcke. Notizbücher. Lose Seiten. Ich häufe sie um mich und weiß nicht, wo ich beginnen soll. Draußen vor dem Fenster liegt grauer Schnee. Hier drin legt sich der Geruch von Krankheit und Medizin schwer auf meine Zunge. An den Wänden bröckelt die gelbe Farbe ab. Ab und zu eilen Schritte quietschend über das Linoleum.
Du, kleine Schwester, schläfst. Nur das Surren und Piepen der Geräte, die um dein Bett versammelt sind, unterbricht die Stille. Weiterlesen

Famous first words

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Ich mag keine Klappentexte. Wenn es irgendwie geht, vermeide ich es, bei einem Buch zu lange auf die Rückseite zu schauen. Warum? Erstens verraten die dortigen Inhaltsangaben meistens schonmal Seite 1 – 130 des Buches, zweitens sind sie meistens sehr lobhudelig bis reißerisch und jeder von ihnen preist natürlich das Buch als das die beste Erfindung seit der des Rades an. Inzwischen lasse ich mich also viel eher von Empfehlungen oder Rezensionen leiten. Den Ausschlag, ob ich mir das Buch dann wirklich zulege, gibt aber oft der berühmte erste Satz.

Nun gut, sagen wir: Die ersten 2-3 Seiten. So viel lese ich mir dann in der Buchhandlung oder beim „Blick ins Buch“ doch durch. Danach weiß ich meist, ob der Schreibstil mir zusagt oder nicht und danach entscheide ich dann, ob ich das Buch kaufe.

Dennoch hat – das wissen wohl die meisten, die selbst schreiben oder aufmerksam lesen – der erste Satz eine gewisse Bedeutung. Es gibt ja das Sprichwort, dass es keine zweite Chance für den ersten Eindruck gibt. Das gilt so ähnlich auch für den Anfang eines Textes. Die ersten Sätze sind entscheidend dafür, ob die Aufmerksamkeit des Lesers geweckt wird. Und zumindest ich finde, dass der erste Satz einfach irgendwie prägnant sein muss. Wenn ich den ersten Satz lese, will ich sofort das Bedürfnis haben, mehr zu erfahren, weiterzulesen, ich möchte, dass er Fragen aufwirft und Neugierde weckt.

Mit meiner Meinung über die Wichtigkeit von ersten Sätzen bin ich auch nicht allein, es gibt zumindest ganze Sammlungen oder Hitlisten zu dem Thema.

Ich geb auch gerne ein paar Beispiele, die mir besonders gut gefallen.

„‚A burning map. Every epic,‘ my friend Jack used to say, ’should start with a burning map.'“(Hal Duncan: The Book of all Hours)

„Tyler gets me a job as a waiter, after that Tyler’s pushing a gun in my mouth and saying, the first step to eternal life is you have to die.“(Chuck Palahniuk: Fight Club)

„Snowman wakes before dawn.“ (Margaret Atwood: Oryx and Crake)

„It begins, as most things begin, with a song.“ (Neil Gaiman: Anansi Boys)

„The lights went out in the Nameless Bar just after nine.“ (Nick Harkaway: The gone-away world.)

Ich könnte noch weitermachen, aber ich glaube, man versteht, was ich meine. Bei jedem dieser Sätze wollte ich wissen, was dahinter steckt. Was soll die brennende Landkarte? Wen will Tyler da warum erschießen und was hat das mit dem ewigen Leben zu tun? Warum hat die Bar keinen Namen und wieso geht das Licht aus? Der Satz von Neil Gaiman ist weniger spannend als poetisch – was für mich aber auch ein Grund ist, um weiterzulesen.

Beim eigenen Schreiben versuche ich auch darauf zu achten, den ersten Satz so zu gestalten, dass er zum Weiterlesen einlädt. Das fällt manchmal leicht – bei der Kurzgeschichte für die Lesetage war der erste Satz quasi sofort in meinem Kopf, als ich die grundsätzliche Idee hatte -, manchmal aber auch recht schwer. Es geht ja nicht darum, irgendwas hinzuschreiben, das möglichst skurril, toll, spannend oder interessant klingt, es muss ja auch noch was mit dem Rest der Geschichte zu tun haben. In den Beispielen oben wird in drei Sätzen eine Figur des Buches vorgestellt, in einem ein wichtiger Schauplatz. Wenn der erste Satz gut gelungen ist, kann man oft am Ende des Buches nochmal zurückblättern und sieht, dass die ersten Zeilen die Stimmung und/oder das Setting des ganzen Buches umreißen. Denn ja, die brennende Landkarte ist durchaus eine gute Illustration für „The Book of all Hours“ und die Bar ohne Namen, in der auf einmal etwas Unvorhergesehenes passiert, gibt einen guten Ausblick auf das Setting in „The gone-away world.“

Im Gegensatz zu der vielleicht verbreiteten Meinung, der erste Satz sei eben das, was man zuerst hingeschrieben habe, ist eher das Gegenteil der Fall. Oft bringt es was, den ersten Absatz einer Geschichte zu kürzen oder ganz zu löschen, falls man diesen eher benutzt hat, um sich „warmzuschreiben“. Was im Umkehrschluss auch heißt: Keinen perfekten Einstieg in die Geschichte zu haben ist kein Grund, nicht erstmal anzufangen. Ändern kann man den Anfang nachher immer noch.

So – und weil das hier ja mein Schreibblog ist und ich nicht die ganze Zeit nur über anderer Leute Arbeit reden will, gibt es jetzt einige erste Sätze von mir:

Meine Geschichte beginnt damit, dass eine tote Möwe auf meiner Fensterbank liegt und wird damit enden, dass der Himmel über mir einstürzt und die Trümmer meiner Welt im Meer versinken.
(Noch nicht beendete Kurzgeschichte)

Es regnete, als wir uns begegneten.
(„Einsamkeit“, Kurzgeschichte (2004))

Wer hier aussteigt, hat verloren. Irgendwas, irgendwen. Irgendwann.
(Kapitel 1 eines noch nicht näher definierten Projekts, viel mehr gibt es noch nicht.)

„Wann haben wir angefangen, so zu werden wie sie?“
(„Um jeden Preis“, Kurzgeschichte, 2013, zu lesen hier)

Der Tod ist in ihr Bett geschlichen und hält sie in seinen Armen.
(Erinnerungen meiner Heldin aus dem Jahr des Feuers – 4 Jahre danach.)

Hier unten sehen selbst die Lebenden tot aus.
(Kapitel II des oben genannten, noch nicht näher definierten Projekts.)

Dunkle Stunden liegen hinter uns, ungewisse vor uns.
(Jahr des Feuers-Chronik, Prolog zu „Aus der Asche“)

Schnee und Asche taumelten vom Himmel und die Luft schmeckte nach Tod.
(Jahr des Feuers-Chronik, Die Schlacht der Drei Kaiser)

Ich schreibe dir ein Märchenbuch.
(„Was einmal war“, die Kurzgeschichte für die Lesung nächste Woche – ab nächster Woche dann auch hier im Blog)

Und? Hättet ihr weiterlesen wollen?

Die Sache mit den Märchen

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Vom 13. bis 17. April 2014 finden in Hamburg die HEW-Lesetage statt. Diese  gibt es  seit 2011 und sie entstanden urprünglich als Konkurrenz zu den Vattenfall-Lesetagen und als Protest dagegen, dass der Stromkonzern, der in besagter Zeit vor allem durch die Pannen in den norddeutschen Atomkraftwerken von sich reden machte, mit dem Sponsoring eines Literaturfestivals sein Image aufpolierte. Inzwischen hat Vattenfall übrigens die Lesetage aufgegeben.

Was hat das nun mit diesem Blog und vor allem mit Märchen zu tun? Da muss ich ein bisschen ausholen. Ich habe diesen Winter einen Schreibkurs gemacht, und zwar in der Schreibwerkstatt des Textprojektes. Das waren zwei Module mit jeweils acht Sitzungen, im ersten Modul ging es sehr viel um Grundsätzliches (z. B. um das Erstellen von Plots und Charakteren), im zweiten dann mehr an die tätsächliche Herangehensweise (Perspektive, Umgang mit Zeit, verschiedene Erzählformen, etc.) Dazu gab es dann zwischen den Stunden immer Hausaufgaben, die bearbeitet werden sollten. Das war super, weil ich mich dann zwangsläufig immer irgendwie mit Schreibdingen befassen musste. Jetzt ist Modul 2 leider zu Ende und Modul 3 dreht sich um die Überarbeitung – dazu muss man aber erstmal was haben, was überarbeitet werden will. Deswegen also aktuell kein Modul 3 für mich.

Jeeeedenfalls ist die Schreibwerkstatt auch bei den HEW-Lesetagen dabei, und zwar am 14. und 16. April jeweils ab 19:30 Uhr. Und, ihr ahnt es schon, ich werde auch daran teilnehmen. Gestern ist endlich mein Text fertig geworden und liegt jetzt beim Kursleiter der Schreibwerkstatt, der ihn begutachten und lektorieren wird. Prompt habe ich natürlich heute Nacht davon geträumt, dass er ihn total scheiße findet. :/ (Das Lustige am Traum war, dass ich keine Mail zurückbekam, sondern den Text, per Hand abgeschrieben, auf A3-Format, mit handschriftlichen roten Änderungen drin. Überbracht in einer Ledermappe von einem Boten. Ja, nee, is klar.)

Was das nun mit Märchen zu tun hat? Folgendes: Vor ein paar Wochen ging auf Tumblr dieser Beitrag herum, in dem es um weibliche Figuren in Märchen geht und der Alternativen zum klassischen Märchen (in dem die Prinzessinnen und braven Töchter irgendwelcher Leute ja oft sehr passiv sind) vorstellt. Als ich das gelesen habe, war mir klar, dass ich unbedingt so etwas in die Richtung schreiben möchte. Das Problem ist natürlich, dass ich mich nicht zu sehr am obigen Text orientieren wollte und auch nicht einfach nur ein Märchen umschreiben. Am Ende sind die Märchen eine Hälfte der Geschichte geworden (ich habe auch versucht, so wenig wie möglich in dem verlinkten Text genannte Personen zu verwenden – drei Stück sind es dann doch geworden), die andere Hälfte ist eine nicht sehr nette Geschichte über Verlust und Rache.

Sobald die Lesetage vorbei sind, werde ich die Geschichte wohl auch hier einstellen. Es sei denn, der Kursleiter zerreißt sie in der Luft…

Also wünscht mir Glück.