Famous first words

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Ich mag keine Klappentexte. Wenn es irgendwie geht, vermeide ich es, bei einem Buch zu lange auf die Rückseite zu schauen. Warum? Erstens verraten die dortigen Inhaltsangaben meistens schonmal Seite 1 – 130 des Buches, zweitens sind sie meistens sehr lobhudelig bis reißerisch und jeder von ihnen preist natürlich das Buch als das die beste Erfindung seit der des Rades an. Inzwischen lasse ich mich also viel eher von Empfehlungen oder Rezensionen leiten. Den Ausschlag, ob ich mir das Buch dann wirklich zulege, gibt aber oft der berühmte erste Satz.

Nun gut, sagen wir: Die ersten 2-3 Seiten. So viel lese ich mir dann in der Buchhandlung oder beim „Blick ins Buch“ doch durch. Danach weiß ich meist, ob der Schreibstil mir zusagt oder nicht und danach entscheide ich dann, ob ich das Buch kaufe.

Dennoch hat – das wissen wohl die meisten, die selbst schreiben oder aufmerksam lesen – der erste Satz eine gewisse Bedeutung. Es gibt ja das Sprichwort, dass es keine zweite Chance für den ersten Eindruck gibt. Das gilt so ähnlich auch für den Anfang eines Textes. Die ersten Sätze sind entscheidend dafür, ob die Aufmerksamkeit des Lesers geweckt wird. Und zumindest ich finde, dass der erste Satz einfach irgendwie prägnant sein muss. Wenn ich den ersten Satz lese, will ich sofort das Bedürfnis haben, mehr zu erfahren, weiterzulesen, ich möchte, dass er Fragen aufwirft und Neugierde weckt.

Mit meiner Meinung über die Wichtigkeit von ersten Sätzen bin ich auch nicht allein, es gibt zumindest ganze Sammlungen oder Hitlisten zu dem Thema.

Ich geb auch gerne ein paar Beispiele, die mir besonders gut gefallen.

„‚A burning map. Every epic,‘ my friend Jack used to say, ’should start with a burning map.'“(Hal Duncan: The Book of all Hours)

„Tyler gets me a job as a waiter, after that Tyler’s pushing a gun in my mouth and saying, the first step to eternal life is you have to die.“(Chuck Palahniuk: Fight Club)

„Snowman wakes before dawn.“ (Margaret Atwood: Oryx and Crake)

„It begins, as most things begin, with a song.“ (Neil Gaiman: Anansi Boys)

„The lights went out in the Nameless Bar just after nine.“ (Nick Harkaway: The gone-away world.)

Ich könnte noch weitermachen, aber ich glaube, man versteht, was ich meine. Bei jedem dieser Sätze wollte ich wissen, was dahinter steckt. Was soll die brennende Landkarte? Wen will Tyler da warum erschießen und was hat das mit dem ewigen Leben zu tun? Warum hat die Bar keinen Namen und wieso geht das Licht aus? Der Satz von Neil Gaiman ist weniger spannend als poetisch – was für mich aber auch ein Grund ist, um weiterzulesen.

Beim eigenen Schreiben versuche ich auch darauf zu achten, den ersten Satz so zu gestalten, dass er zum Weiterlesen einlädt. Das fällt manchmal leicht – bei der Kurzgeschichte für die Lesetage war der erste Satz quasi sofort in meinem Kopf, als ich die grundsätzliche Idee hatte -, manchmal aber auch recht schwer. Es geht ja nicht darum, irgendwas hinzuschreiben, das möglichst skurril, toll, spannend oder interessant klingt, es muss ja auch noch was mit dem Rest der Geschichte zu tun haben. In den Beispielen oben wird in drei Sätzen eine Figur des Buches vorgestellt, in einem ein wichtiger Schauplatz. Wenn der erste Satz gut gelungen ist, kann man oft am Ende des Buches nochmal zurückblättern und sieht, dass die ersten Zeilen die Stimmung und/oder das Setting des ganzen Buches umreißen. Denn ja, die brennende Landkarte ist durchaus eine gute Illustration für „The Book of all Hours“ und die Bar ohne Namen, in der auf einmal etwas Unvorhergesehenes passiert, gibt einen guten Ausblick auf das Setting in „The gone-away world.“

Im Gegensatz zu der vielleicht verbreiteten Meinung, der erste Satz sei eben das, was man zuerst hingeschrieben habe, ist eher das Gegenteil der Fall. Oft bringt es was, den ersten Absatz einer Geschichte zu kürzen oder ganz zu löschen, falls man diesen eher benutzt hat, um sich „warmzuschreiben“. Was im Umkehrschluss auch heißt: Keinen perfekten Einstieg in die Geschichte zu haben ist kein Grund, nicht erstmal anzufangen. Ändern kann man den Anfang nachher immer noch.

So – und weil das hier ja mein Schreibblog ist und ich nicht die ganze Zeit nur über anderer Leute Arbeit reden will, gibt es jetzt einige erste Sätze von mir:

Meine Geschichte beginnt damit, dass eine tote Möwe auf meiner Fensterbank liegt und wird damit enden, dass der Himmel über mir einstürzt und die Trümmer meiner Welt im Meer versinken.
(Noch nicht beendete Kurzgeschichte)

Es regnete, als wir uns begegneten.
(„Einsamkeit“, Kurzgeschichte (2004))

Wer hier aussteigt, hat verloren. Irgendwas, irgendwen. Irgendwann.
(Kapitel 1 eines noch nicht näher definierten Projekts, viel mehr gibt es noch nicht.)

„Wann haben wir angefangen, so zu werden wie sie?“
(„Um jeden Preis“, Kurzgeschichte, 2013, zu lesen hier)

Der Tod ist in ihr Bett geschlichen und hält sie in seinen Armen.
(Erinnerungen meiner Heldin aus dem Jahr des Feuers – 4 Jahre danach.)

Hier unten sehen selbst die Lebenden tot aus.
(Kapitel II des oben genannten, noch nicht näher definierten Projekts.)

Dunkle Stunden liegen hinter uns, ungewisse vor uns.
(Jahr des Feuers-Chronik, Prolog zu „Aus der Asche“)

Schnee und Asche taumelten vom Himmel und die Luft schmeckte nach Tod.
(Jahr des Feuers-Chronik, Die Schlacht der Drei Kaiser)

Ich schreibe dir ein Märchenbuch.
(„Was einmal war“, die Kurzgeschichte für die Lesung nächste Woche – ab nächster Woche dann auch hier im Blog)

Und? Hättet ihr weiterlesen wollen?