Kurzgeschichten

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Was einmal war

Ich schreibe dir ein Märchenbuch.
Das Papier knistert unter meinen Händen. Blöcke. Notizbücher. Lose Seiten. Ich häufe sie um mich und weiß nicht, wo ich beginnen soll. Draußen vor dem Fenster liegt grauer Schnee. Hier drin legt sich der Geruch von Krankheit und Medizin schwer auf meine Zunge. An den Wänden bröckelt die gelbe Farbe ab. Ab und zu eilen Schritte quietschend über das Linoleum.
Du, kleine Schwester, schläfst. Nur das Surren und Piepen der Geräte, die um dein Bett versammelt sind, unterbricht die Stille.

Da ist ein Mädchen, das geht durch den finsteren Wald und trifft den bösen Wolf. Er verschlingt sie und ihre Großmutter. Sie können nichts dagegen tun. Nur der Jäger kann sie retten.

Aber hier gibt es keine Jäger und gäbe es welche, so stünden sie johlend um den Wolf und feuerten ihn an, weideten sich an den Schreien und dem Blut. Wölfe verschlingen niemanden am Stück. Sie zerfleischen ihre Beute, bis nichts mehr übrig ist.

Die Mädchen in den Märchen machen mich wütend. Sie leiden sanft und hoffen und warten, bis der Prinz sie erlöst. Sie sind schön und bescheiden und manchmal sogar klug, aber sie tun keiner Seele etwas zu Leide. Schreien nicht, treten nicht, wehren sich nicht. Ihr gutes Herz bringt sie immer in Schwierigkeiten. Du hättest eine gute Prinzessin abgegeben, kleine Schwester. Doch für dich gab es keinen Prinzen in strahlender Rüstung. Du hättest dich selbst retten müssen.

Ich schreibe dir ein Märchenbuch.

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern fühlt seine Glieder nicht mehr. Es schaut zum Himmel und sieht, wie fern und kalt die Sterne sind. Da zieht es sein Kleidchen aus und seine Strümpfe und stopft alles in das Loch in der Hauswand, das der reiche Kaufmann, der darin wohnt, nie entdeckt hat. Es entzündet die Schwefelhölzer, eins nach dem anderen.
Schließlich brennt das Haus lichterloh und die Funken steigen bis hoch zu den kalten Sternen. Vor dem Feuer steht das Mädchen, splitternackt, und lacht und tanzt mit den Flammen.

Die Schwestern und Ärzte betrachten uns mitleidig, dich in dem viel zu großem Bett und mich in meinem See aus Papier und Wortfetzen. Deine Haut scheint jeden Tag durchsichtiger zu werden, die Schatten unter deinen Augen dunkler. Ab und zu kommt jemand in einem weißen Kittel, untersucht dich und schüttelt den Kopf.
„Es ist weiterhin sehr unwahrscheinlich, dass Ihre Schwester aus dem Koma erwacht.“ Die Worte rauschen an mir vorbei. Ich nicke und sehe aus dem Fenster, auf den Schnee, der langsam schmilzt.

In ihren Träumen kämpft Dornröschen hundert Jahre lang gegen die Bestien und die schwarzgeflügelten Feen. Als sie erwacht, nimmt sie Schwert und Spindel und verlässt ihr leeres Schloss. Als sie das Ende der Dornenhecke erreicht, hängt ihre Haut in Fetzen von den Armen. Doch sie lächelt beim Gedanken daran, die Spindel im Herz der bösen Fee zu versenken.

Ich betrachte dich lange. Mein Dornröschen, schlafend und träumend und unerreichbar. Weder Dornen noch Küsse können dich retten.

Heute ist Dienstag. Jeden Dienstag rufe ich die Polizei an und frage nach Neuigkeiten.
„Es tut mir leid.“ Herr Lewandowski ist immer freundlich, wenn ich nachfrage. Über seinem Schreibtisch hängt das Fahndungsfoto der Bestie, ein Ausdruck der verschwommenen, pixeligen Sicherheitskamera. In meiner Tasche habe ich immer eine Kopie davon. Herr Lewandowski hat sie mir gegeben. Auf seinem Schreibtisch steht ein Foto seiner Frau neben einer Schüssel mit Hustenbonbons.
„Es tut mir leid“, wiederholt er und ich glaube ihm.

Ariadne sieht Theseus in die Augen und weiß, dass er lügt und ihre Hilfe nicht belohnen wird. Sie lässt ihn stehen, bindet den Faden selbst an die Tür des Labyrinths und steigt in die Dunkelheit hinab. Sie sucht und findet den Minotaurus, und als sie ihm sein Wiegenlied singt, wird er friedlich und fällt in tiefen Schlaf. Ariadne betrachtet ihn schweigend. Er ist ein Monster. Er ist ihr kleiner Bruder. Sie streicht ihm sanft über den Kopf, ehe sie ihr Messer zieht.
Als die Männer ihres Vaters sie finden, sitzt Ariadne weinend neben dem toten Monstrum, ihrem toten Bruder, in einem See aus Blut.

Gregor ist ein alter Schulfreund, einer von denen, bei denen ich kaum traurig war, ihn aus den Augen zu verlieren. Dass ich eines Tages im selben Bahnwaggon mit ihm sitze, ist Zufall, aber ich spreche ihn an und gebe ihm meine Nummer. Gregor ist Ex-Soldat und aktuell Personenschützer, ein Kleiderschrank von Mann. Seine Worte klingen wie Befehle, selbst wenn sie Bitten sind. Er versteht viel vom Krieg und wenig vom Leben, sagt er ein wenig hilflos, als wir kurz darauf essen gehen. Er ist einsam. Ich hebe mein Glas, wir stoßen an.
In Gregors Nachtschrank, das weiß ich am Ende des Abends, liegt seine Waffe.

Medusa schreit, bis ihre Lungen bersten und Blut von ihren Lippen tropft. Sie wirft sich ins Meer und sinkt bis auf den Grund, wo Poseidon, ihr Peiniger, auf seinem Unterwasserthron regiert. Mit ihrem letzten Blick verwandelt sie ihn zu Stein.

Mein Blick wandert wieder und wieder über das verschwommene Bild, den Ausdruck der Sicherheitskamera. Die schmutzigen Kacheln des U-Bahnhofes, die Schemen von eilenden Menschen – und die Bestie im Zentrum des Bildes. Der Mann auf dem Foto ist mittelgroß und mittelkräftig. Kurze Haare. Unauffällig, würde man wohl sagen. Er trägt ein blaues Hemd und Jeans und irgendwelche Schuhe. Um seinen Unterarm zieht sich eine Tätowierung aus verschlungenen Linien. Vielleicht Worte, vielleicht eine Schlange oder ein Oktopus oder einfach ein Muster ohne Sinn.
„An dem Tattoo erkennen wir ihn“, hat Herr Lewandowski mir versichert. „Wenn wir ihn erstmal haben, erkennen wir ihn.“ Aber die Bestie bleibt verschwunden. Tausend Jäger wären nicht genug, um sie im Dschungel der Stadt zu fangen.
Das Gesicht auf dem Foto ist kaum mehr als ein Fleck, eine Ansammlung von Pixeln. Ein Rätsel ohne Lösung.
Ich starre auf das Bild. Auf dem blauen Hemd der Bestie klebt in dunklen Flecken dein Blut.

Sheherazade schlägt den König mit blumigen Märchen in ihren Bann, doch sobald er eingeschlafen ist, flüstert sie andere Worte in sein Ohr. Dunkle Worte sind es, alte Worte voller Magie und Zorn. Sie spricht vom Wüstenwind, der über bleiche Knochen weht, von Dämonen, die in Menschengestalt über die Erde wandeln. Von Gift, das von Schlangenzähnen trieft, von Käfern und Larven, die sich quälend langsam durch Körper fressen. In ihren Geschichten ist die Dunkelheit lebendig, ein hetzendes, hungriges Tier auf der Suche nach Beute.
In diesen Nächten erwacht der König schreiend aus seinen Albträumen und Sheherazade tröstet ihn und küsst ihn und reibt duftendes Öl auf seine Schläfen. Je schlimmer er träumt, desto mehr verlangt es den König nach den bunten Gestalten aus ihren Märchen, und bald schläft er jede Nacht in Shereazades Armen ein.
Nach tausendundeiner Nacht findet man den König tot in seinem Bett. Von Sheherazade fehlt jede Spur.

„Das mit deiner Schwester ist schrecklich“, sagt Gregor bei unserem dritten Treffen. Wir sitzen auf seinem Sofa. „Steht ihr euch nahe?“
Ich weiß nicht warum, aber ich erzähle ihm alles. Von dem Verkehrsunfall unserer Eltern, nach dem nur noch wir beide übrig waren. Davon, wie ich mein Studium schmiss und zwei Jobs annahm, damit wir nicht aus der Wohnung ausziehen mussten. Davon, wie stolz ich auf uns beide war, weil wir es ohne staatliche Hilfe geschafft hatten. Von der Feier zu deinem 18. Geburtstag, nicht die große Party mit deinen Freunden, sondern unser Abendessen zu zweit, in dem teuren Restaurant, an dem wir Jahre lang nur vorbeigelaufen waren. Unserem Besuch auf dem Friedhof. Zwei Kerzen auf dem Grab, deine Hand in meiner.
Und dann der Anruf, der mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf riss.
Gregor hört zu und nickt. Ich sehe ihm an, dass er nicht weiß, was er sagen soll. Stattdessen küsst er mich und ich lasse es geschehen.

Schneewittchen erwacht allein in ihrem Sarg aus Glas. Sie würgt den Apfel aus und fühlt, wie das Gift in ihrem Körper brennt. Doch noch bleibt ihr Zeit. Sie tritt und schlägt den Deckel entzwei, kriecht aus den Scherben und macht sich auf den Weg zum Schloss der Königin. In ihren Adern kocht das Blut und ihre Glieder zittern vor Schmerz, als sie es erreicht. Vom Jäger, der sie verschonte, nimmt sie Pfeil und Bogen. Ein Schuss bleibt ihr, ehe das Gift sie tötet. Schneewittchen zielt und schießt und sieht mit ihrem letzten Atemzug den Pfeil das Auge der Königin durchbohren.

Ich sitze in deinem Zimmer und drehe die Waffe in den Händen. Seit jenem Tag habe ich nichts in diesem Raum angerührt. Auf deinem Schreibtisch steht noch eine leere Kaffeetasse, ein aufgeschlagener Block mit Schulnotizen liegt herum. Neben deinem Bett stapeln sich Bücher, ein ungewaschenes T-Shirt liegt auf dem Boden. Es riecht nach dir, mehr als du selbst nach dir riechst, wenn ich im Krankenhaus meine Nase in deinen Haaren vergrabe und unter dem Geruch nach Desinfektionsmitteln und Medizin nach dir suche.

Gregor ist verreist. Er und seine Kollegen wurden für zwei Kongresse in Frankreich angestellt. Er wird über zwei Monate fort sein. Ich habe ihm versichert, dass es kein Problem ist, alle paar Tage nach seiner Post zu sehen und seine beiden Topfpflanzen zu gießen. Der Abschied war unbeholfen. Er fehlt mir kaum.
Seit Gregor fort ist, liegt seine Waffe geladen und gesichert in meiner Handtasche. Es war leichter als ich dachte, herauszufinden, wie sie funktioniert. Am Wochenende werde ich aufs Land fahren, in irgendeinen Wald, und lernen, damit zu schießen. Ich lerne mich zu wehren gegen die Monster, die da draußen lauern. Ich lerne es für dich.

Kassandra stürmt aus dem Palast ihres Vaters, in dem niemand ihr Glauben schenkt. Mit einer Axt bewaffnet läuft sie durch die Menschen, die auf den Straßen feiern. Mühsam klettert sie auf das hölzerne Pferd, das Geschenk, das in ihren Visionen Troja den Untergang bringt. Sie hackt auf das Holz ein wie eine Wahnsinnige, bis endlich ein Loch darin klafft und der erste Grieche aufschreit, als ihre Axt ihn trifft.
Sekunden später stürzt sie zu Boden. Ein Schwert ragt aus ihrer Brust.
Die Stadt ist gerettet.

Lisa bringt immer Blumen mit, wenn sie dich besucht, sorgsam ausgewählte Sträuße, die gut duften und den Krankenhausgeruch für ein paar Tage aus deinem Zimmer vertreiben. Sie sitzt auf der Bettkante und redet mit dir, während ich in meiner Ecke Papierstapel sortiere und Notizen mache. Es ist Samstag. Früher hättest du um diese Zeit mit Lisa in unserer Küche gesessen. Ihr hättet Nudeln mit Pesto gekocht und Sekt dazu getrunken und beratschlagt, auf welche Party ihr geht und was ihr dazu anzieht.
„Hat die Polizei sich gemeldet?“, fragt sie, wie bei jedem Besuch. Ich schüttele den Kopf. Es gibt nichts Neues.
Lisa sieht zu Boden. Ich weiß, dass sie sich noch immer Vorwürfe macht. Weil sie nicht erkannt hat, dass der Kerl, der euch beide schon im Club belästigt hat, im selben Bahnwaggon saß. Weil sie zwei Stationen vor dir ausgestiegen und nach Hause gelaufen ist. Weil sie dich der Bestie überlassen hat. Sie hat alles versucht, um es wieder gut zu machen. Mit dem Phantombild, das nach ihren Angaben entstanden ist, ist sie zu jedem gelaufen, der in jener Nacht im selben Club war oder gewesen sein könnte, zu jedem, der oft dort feiert. Sie hat alle deine Freunde und Bekannten angerufen, damit ich es nicht tun musste. Doch niemand kannte das Gesicht. Niemand konnte helfen.
Die Blumen duften nach Sommer. Der Schnee vor dem Fenster ist längst verschwunden.
Lisa hält deine Hände vorsichtig in ihren. Tränen fallen auf deine Haut. Ich denke an das Märchen von der Schneekönigin. Doch kein Eis schmilzt in deinem Herzen, und dein böser Traum endet nicht.

Rotkäppchen tritt auf die Waldlichtung und sieht, wie die Tür zum Haus der Großmutter offen steht. Krähen kreisen über dem Haus und der Geruch nach Blut und Raubtieren liegt in der Luft. Sie dreht sich um und geht, ganz langsam und leise erst, dann immer schneller und schließlich rennt sie, so schnell sie kann. Sie meint, das Heulen von Wölfen hinter sich zu hören. Mit wunden Füßen kommt sie zu Hause an.

Ich habe nie an Schicksal geglaubt. Und doch schließt sich am Ende der Kreis. An dem Tag, an dem ich erfahre, dass es für dich keine Hoffnung mehr gibt, finde ich die Bestie. Wie betäubt bin ich aus dem Krankenhaus getaumelt. Die Ärzte haben mir gesagt, dass sie deine Geräte abschalten wollen. Die Untersuchungen haben gezeigt, dass du längst aus deinem bleichen, schmalen Körper gewichen bist. Ich schüttele den Kopf, will ihre Worte nicht hineinlassen. Ich reiße das Fenster auf und werfe all meine Notizen nach draußen, all die nutzlosen Märchen, die dich nicht retten konnten. Der Sommerwind trägt sie fort.

Später sitze ich ohne einen klaren Gedanken im Kopf in der Bahn. Es ist schon dunkel draußen. Ein Fenster steht offen und schwüle Luft weht in den Waggon, vermischt sich mit dem Geruch nach Schweiß und überfüllten Mülleimern. Als die Bestie an mir vorbeigeht, dauert es einige Sekunden, ehe sich die Puzzleteile in meinem Kopf zusammenfügen. Das Gesicht aus dem Phantombild. Der Unterarm mit der verschlungenen Tätowierung. Der unauffällige Mann, Kopfhörer in den Ohren, mittelgroß und mittelkräftig. Die Türen der Bahn schließen sich schon fast, als ich aufspringe und hinter ihm her auf den Bahnsteig haste. Ich sehe, wie er in der Unterführung verschwindet.

Ich folge ihm ganz allein in diesen Tunnel, und doch fühle ich mich, als wären all die Frauen aus meinen Märchen an meiner Seite. Wie Persephone, die am Ende des Sommers in die Welt der Toten hinabsteigt, gleite ich die Treppe hinunter. Es wird kühl. Die Bestie schreitet arglos ihrer Wege. Ahnungslos, so wie du es warst. Ich folge langsam. Niemand sonst ist hier. Das Metall der Waffe ist kalt in meiner Hand, der Geruch von Eisen kriecht in meine Nase.

Rotkäppchen ist erwachsen geworden. Sie trägt Stiefel und Mütze aus Pelz. Die Messer an ihrer Seite sind kalt und scharf, und in den Wäldern gibt es weder Wölfe noch Jäger mehr.

Mit einem leisen Klacken entsichere ich die Pistole. Ein tiefer Atemzug. Mein Herz klopft wild, doch meine Hände sind ruhig. Ich ziele, langsam. Mein Finger krümmt sich um den Abzug.

Leb wohl, Dornröschen.

Der Knall im Tunnel ist ohrenbetäubend.

Es war einmal.

Der Wind und die Wölfin

Für Elpje begann der Sommer, wenn die Nivesen kamen. Sie kamen mit den ersten reifen Preiselbeeren und den Mückenschwärmen, die am Abend über dem See tanzten. Am Horizont waren sie zuerst als kleine Punkte zu sehen. Stunden später hörte man das Blöken der Karene, die Rufe der Viehtreiber und das gleichmäßige Trampeln von Hufen und Füßen. Wenn die Sonne unterging, zog die Herde langsam am Dorf vorbei, und am nächsten Morgen hatte sich das flache Grasland, eben noch leer und verlassen, in eine kleine Zeltstadt verwandelt. Dann kam die Zeit, in der die Nächte nur wenige Stunden dauerten. An den Sträuchern und Bäumen hing reifes Obst, Blumen schwankten zwischen den Grashalmen und der Duft von Moosbeeren, Honig und Heu vermischte sich mit dem herben Geruch der Karene.

„Morgen werden sie hier sein“, sagte Fenja. Elpje horchte. Er legte sogar das Ohr auf den Boden, wie es ihm ein Waldläufer gezeigt hatte. Doch er hörte nur das Summen der Insekten und das Rascheln des Graslands. Fenja lauschte nicht. Sie stand nur auf dem großen Findling südlich des Dorfes und reckte die Nase in die Luft. „Riechst du es nicht?“, fragte sie ihn lachend. Elpje konnte nur den Kopf schütteln. Es roch alles so wie immer. „Der Wind kommt aus Süden. Es riecht nach Kräutern und nach frischem Gras, aber da ist noch mehr. Tiere und Menschen, Feuer und gegerbtes Leder. Morgen werden sie hier sein.“ Wie immer behielt sie recht.

***

Fenja war einen halben Götterlauf älter als Elpje, im frühen Phex geboren, während er in der letzten warmen Nacht des Travia zur Welt gekommen war. Er wurde mit drei Geschwistern und zwei Onkeln und Tanten groß, während sie eigentlich niemanden hatte. Noch ehe Fenja laufen lernte, war ihre Mutter gestorben, ihren Vater hatte sie nie gekannt. Die Großmutter, bei der sie aufwuchs, war eine alte Frau und hatte nicht mehr die Kraft, ihrer Enkelin ständig nachzulaufen. So war Fenja immer das Kind gewesen, das stundenlang durch die Wildnis streifte, das in den See sprang, ohne schwimmen zu können und das stets mit Schrammen und blauen Flecken herumlief. Sie hatte Kletten in den roten Haaren, Dreck unter den Fingernägeln und zahllose Flicken auf ihrer Kleidung. Als sie und Elpje sieben Götterläufe alt waren, nahm sie ihn mit auf einen ihrer Streifzüge, zeigte ihm eine Entenfamilie im Schilf, die Spuren von Füchsen und Wölfen im Wald und den Platz zwischen den Disteln, an dem die Liebespaare des Dorfes sich trafen. Seit diesem Tag waren sie unzertrennlich.

In diesem Frühjahr jedoch war sie unruhig gewesen, abweisend in der einen Minute und überschwänglich in der nächsten. Sie sprach tagelang nicht mit ihm, dann wieder tauchte sie nachts vor dem Haus seiner Eltern auf und wollte in der Dunkelheit spazieren gehen. Manchmal stand sie stundenlang auf ihrem Findling und starrte in die Luft. Als Elpje sie fragte, was mit ihr los war, schüttelte sie nur den Kopf und sah ihn an, als sei er ein kleiner Junge, der nicht verstehen konnte, was sie betrübte. Als er Fenja an einem der ersten warmen Tage überredet, mit ihm zum See zu kommen, war für ein paar Stunden alles wie immer. Doch als sie nach dem Schwimmen aus dem Wasser stieg, ertappte Elpje sich dabei, wie er sie ansah, als hätte er sie noch nie gesehen. Letztes Jahr war sie noch das Mädchen mit den zerschrammten Knien und den dreckigen Händen gewesen. Und jetzt machte es ihn auf einmal verlegen, sie anzuschauen.

Dann kam der Sommer und mit ihm die Nivesen. Und zum ersten Mal wünschte Elpje sich, sie wären fortgeblieben.

***

Elpje rannte durch den Regen, jeder seiner Schritte von einem Platschen begleitet. Seine Füße sanken tief ins durchweichte Grün der Wiese ein. Am Rand des Dorfes holte er sie endlich ein.
„Fenja! Warte!“, keuchte er hervor.
Sie drehte sich um. Ihre roten Haare klebten nass an ihrem Kopf. Sie hatte ein seltsames Kleidungsstück aus Leder an, wie es die Nivesen trugen. ‚Sie sieht aus wie eine von denen‘, schoss es Elpje durch den Kopf. Aber das war wohl nur eine Frage der Zeit gewesen, denn seit die Fremden ihre Zelte errichtet hatten, war Fenja immer wieder zu deren Lager gegangen und hatte sich stundenlang dort herumgetrieben. Elpje wusste weder, was sie da machte, noch konnte er verstehen, was sie dorthin zog.
„Hier, ich … es regnet“, fuhr er fort und reckte ihr den kratzigen Wollmantel entgegen, den er aus dem Haus ihrer Großmutter mitgenommen hatte. Regentropfen klatschten auf den Stoff und ließen ihn schwer werden.
„Den brauche ich doch nicht.“ Fenja schüttelte lächelnd den Kopf. „Sieh doch mal, meine Kolta! Hautan hat sie für mich gemacht und Bjanju hat mir geholfen, sie zu verzieren.“ Sie deutete auf die polierten Knochenstückchen und bunten Steine, mit denen das Leder geschmückt war.
„Seit wann ist dein Mantel denn nicht mehr gut genug?“ Elpje fühlte, wie sich seine Augenbrauen wütend zusammenzogen. „Der hält dich auch warm. Schon seit Jahren. Wieso musst du jetzt rumlaufen wie die?“
„Warum denn nicht?“ Fenja machte keine Anstalten, ihm den Mantel abzunehmen.
„Na, weil…weil das Fremde sind. Was willst du denn überhaupt bei denen?“ Elpje hatte zwar schon mit Nivesen gesprochen, wenn sie kamen, um Felle und Fleisch einzutauschen. Doch wie alle im Dorf konnte er nicht recht verstehen, wieso sie den Karenen folgten, statt sich Häuser zu bauen und ihre Tiere unter Kontrolle zu bringen. Manche munkelten, die Nivesen wüssten auch sonst nicht, was Recht und Ordnung war und wären diebisch und wankelmütig. Elpje kannte auch Gruselgeschichten, nach denen sich manche von ihnen bei Vollmond in blutrünstige Wölfe verwandelten oder sie mit den Geistern im Bunde waren und schlimme Flüche ausstießen. Generell, so war es immer gewesen, hielt man sich lieber von ihnen fern.
„Fremde, was?“, fauchte Fenja. „Bist du jetzt auch so einer, der mit den Nivesen nichts zu tun haben will und behauptet, sie wären verrückt?“
„Nein, ich … ich mein doch nur … “
„Du behauptest immer, du bist mein Freund und jetzt klingst du genauso wie die alte Janne und dein Onkel Norbo! Nur weil sie anders sind!“
Mit einem wütenden Knurren fuhr Fenja herum und stürmte davon, Elpje rannte ihr nach. Drei schnelle Schritte später lag er im Matsch, ausgerutscht auf der nassen Wiese. Fluchend, mit dreckverschmierter Hose und schlammigen Händen, rappelte er sich wieder auf. Fenja war stehengeblieben.
„Ist was passiert?“ Sie machte zwei Schritte auf ihn zu.
„Alles gut“, brummelte er. „Ich will doch bloß, dass du auf dich aufpasst.“
„Ich weiß.“ Sie stand direkt vor ihm und lächelte ihn an. Ein Regentropfen löste sich aus ihrem Haar und rann ihre Wange hinab. Elpjes Hand streckte sich wie von selbst aus, um ihn fortzuwischen, doch als er seine dreckigen Finger sah, hielt er inne.
„Mach dir keine Sorgen, Elpje. Alle dort sind nett zu mir. Und jetzt geh und zieh dir was Trockenes an.“ Fenja strich ihm über das nasse Haar, drehte sich um und ging langsam weiter.
Elpje starrte ihr nach. Der Mantel in seiner Hand war vollgesogen mit Wasser und Schlamm. Er schien quaderschwer zu sein.

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Am nächsten Tag waren die Regenwolken verschwunden und Fenja wartete vor dem Haus auf ihn.
„Ich möchte, dass du mitkommst“, platzte sie heraus, noch ehe er sie fragen konnte, ob sie wütend auf ihn war.
„Mitkommen?“
„Ja, heute Abend. Zu den Nivesen. Ich habe ihnen von dir erzählt und sie sagen, du darfst gerne mitkommen.“
Elpje schaute missmutig zu Boden. Nun erzählte sie schon irgendwelchen Fremden Geschichten über ihn. Und nach ihrem Streit war er vermutlich nicht gut dabei weggekommen.
„Ich weiß nicht…“, brummte er.
„Na komm schon. Ich will, dass du siehst, wieso ich so gerne dort bin. Nur heute Abend. Mir zu liebe.“
Einen Wunsch hatte er ihr noch nie abschlagen können.

***

Als es dämmerte, machten sie sich auf den Weg. Der Halbmond stand schon am Himmel, während im Westen die Sonne langsam im Grasland versank. Die Ebene sah für einige Momente aus, als würde sie brennen.
„Sie sagen, im Süden gibt es Berge, die bis in den Himmel reichen“, sagte Fenja und schaute über die Ebene. „Wälder gibt es, die man in einer Woche nicht durchwandern kann. Wusstest du, dass selbst die Winterlager der Nivesen noch so weit im Norden liegen, dass es manchmal schneit? Kajani sagt, sie hat Reisende getroffen, die von Orten erzählen, an denen es niemals schneit. Eine riesige Ebene aus Sand soll es dort geben. Und Wasser, so weit man sehen kann. Ist das nicht unglaublich, Elpje? Und ich kenne nichts außer diesem Dutzend Häuser und ein bisschen Grasland.“
Elpje schluckte. Fenja hatte sich in Schwung geredet. Ihre Wangen glühten und ihre Augen funkelten.
„Aber … du bist doch hier zu Hause“, sagte er. „Wir sind doch hier zu Hause.“ Er fühlte sich mit einem Mal, als hätte er den festen Halt unter den Beinen verloren. Wie konnte sie auf einmal so reden?
„Die Nivesen sagen, Heimat hat nichts damit zu tun, ein Haus zu bauen. Es kommt darauf an, zu wissen, wo man hingehört.“ Fenja schwieg einen Moment. „Und ich glaube nicht, dass ich hier hingehöre.“
Elpje wollte etwas sagen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken.
„Meine Mutter ist längst tot“, fuhr sie fort, den Blick zu Boden gerichtet. „Großmutter ist alt, und meinen Vater kenne ich nicht. Die Hälfte der Leute im Dorf hält mich für nutzlos, die andere für verrückt.“
„Ich nicht.“
„Nein. Du nicht.“ Sie griff nach seiner Hand. „Komm. Wir sind fast da.“
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Die Luft im Inneren des Zeltes war heiß und so von Rauch erfüllt, dass Elpje das Gefühl hatte, ständig husten zu müssen. Regelmäßig warf eine alte Frau neue Kräuterbündel ins Feuer, die den beißenden Geruch noch verstärkten. Über einer Feuerstelle wurde ein Kessel mit Suppe warmgehalten, von der man ihm zwei volle Schüsseln gereicht hatte. Gute Suppe war es gewesen, mit reichlich Fleisch darin. Becher mit heißem Tee und bauchige Flaschen mit Schnaps wurden herumgereicht. Elpje hatte erst drei Schluck von dem „Käämi“ genannten Zeug getrunken, und trotzdem fühlte er sich schon benommen. Bisher waren alle freundlich zu ihm gewesen, hatten ihn lächelnd begrüßt und ihn in mehr oder weniger verständlichem Garethi willkommen geheißen. Keiner der Fremden wirkte so, als würde er sich bei Vollmond in einen blutrünstigen Wolf verwandeln oder arglose Dorfbewohner verfluchen, so wie es die alte Janne in ihren Gruselgeschichten erzählte. Im Gegenteil, das Zelt war erfüllt von Lachen und eifrigen Gesprächen. Fenja hatte ihm die anwesenden Nivesen vorgestellt, eine Flut von seltsamen Namen, die er sich kaum merken konnte. Die hochgewachsene Frau auf dem Bärenfell hieß Kajani und war die Anführerin der Sippe, neben ihr saßen ihr Mann und ihre Kinder, deren Namen Elpje schon wieder vergessen hatte. Das junge Mädchen namens Bjanju hatte Fenja geholfen, ihre Kolta zu verzieren, und der kräftige Kerl mit der Narbe auf der Wange zeigte ihr, wie man mit Pfeil und Bogen jagte. Am wichtigsten schien ihr aber ein Mann mit unaussprechlichem Namen zu sein, der Kaskju genannt wurde und ihm als Mittler zu den Geistern und den Himmelswölfen vorgestellt wurde. Fenja hatte ihn mit einer Ehrfurcht begrüßt, die er noch nie bei ihr gesehen hatte.
Der Kajsku war ein alter Mann, in dessen bartloses Gesicht das Alter tiefe Falten gegraben hatte. Seine Hände waren fleckig und knorrig, seinen Rücken hielt er trotz seiner Jahre kerzengerade. Mit überraschend voller Stimme befragte er Elpje in etwas holprigem Garethi über seine Familie und das Dorf, während die Schnapsflasche weiter die Runde machte. Es waren harmlose Fragen, aber Elpje fühlte sich, als wollte der alte Mann ihn prüfen. Schließlich nickte der Kajsku zufrieden und und deutete auf Fenja, die einige Schritt entfernt mit Bjanju sprach. Einer der Hütehunde, die zu Dutzenden im Lager herumtollten, lag zu ihren Füßen, hatte sich auf den Rücken gedreht und ließ sich von ihr den Bauch kraulen. „Bist du zornig, weil Fenja so oft hier hier ist?“, fragte der Alte unvermittelt.
Elpje spürte, wie das Blut in seine Ohren schoss. Der Schnaps schien auf einmal seine Wirkung voll zu entfalten.
„Naja, ich … äh … ein bisschen schon“, brachte er heraus.
„Wir alle sind froh, dass sie hier ist“, sagte der Kajsku, ohne Elpjes gestotterte Antwort weiter zu beachten. „Sie bringt viel Freude in unsere Jurten.“
Er deutete zu Fenja, die zusammen mit ihrer Freundin laut über etwas lachte. Auch die beiden Mädchen hatten vom Schnaps getrunken, wie Elpje an Fenjas roten Wangen erkannte.
„Erst wenige Wochen kommt sie her, doch schon ist sie fast wie eine von uns. Die Karene mögen sie. Die Einuk mögen sie.“ Er deutete auf den Hund, der inzwischen begeistert Fenjas Hand ableckte.
„Aber du magst sie auch. Das sehe ich.“Elpje nickte verlegen. „Ich verstehe nur nicht, wieso sie auf einmal lieber hier ist als im Dorf“, versuchte er zu erklären. „Es war doch immer gut genug für uns. Aber jetzt erzählt Fenja Geschichten von Bergen und Sand und behauptet, sie würde nicht hierher gehören.“
„Sie sagte mir, sie hört dem Wind zu. Das ist gut. Wir Nivesen singen mit dem Wind und die, die ihn hören können, sind wichtig für uns.“
„Mit dem Wind singen? Was soll das heißen?“
„So nennen wir unser Leben. Unsere Reise. Wenn wir den Karenen folgen, dem Gefühl der Herde vertrauen. Das ist das Tääkitijauma, das Singen mit dem Wind. Die meisten von euch verstehen es nicht. Aber Fenja tut es.“
Der Alte reichte ihm eine Schale mit Tee. Elpje trank und verzog das Gesicht beim bitteren Geschmack von Kräutern und Wurzeln. Doch sein Kopf wurde wieder etwas klarer.
„Dann kann jeder mit euch gehen, wenn er es schafft, im Wind etwas zu hören?“, fragte er.
„Jeder, der möchte, kann mit uns ziehen, wenn er unsere Lebensweise achtet. Einen Sommer lang, ein Jahr lang, auch ein Leben lang. Aber es ist kein Leben, das für alle gemacht ist.“ Der Kaskju nahm einen Schluck Tee. „Bei Fenja fühle ich, dass es ihr Weg sein könnte. Sie jagt unter dem Segen der Himmelswölfe, mehr als viele von uns.“
„Und könnte es auch mein Weg sein?“ Elpje hatte nie vorgehabt, fortzugehen. Könnte er es, wenn er dafür bei Fenja sein konnte? Könnte er sich an das hier gewöhnen, ein Leben in Zelten, ein ewiges Reisen nach dem Willen von eigenwilligen Karenen?
„Das kannst nur du entscheiden, Junge“, erwiderte der alte Mann und reichte ihm den Tee.

***

Der Mond stand hoch am Himmel, als Elpje und Fenja sich von den Nivesen verabschiedeten. Beide hatten von dem Käämi getrunken, so dass sie das Lager mit schwankenden Schritten verließen. Elpje wollte den Weg zurück ins Dorf einschlagen, doch Fenja griff nach seiner Hand und zog ihn in eine andere Richtung, vorbei am See, in dem sich das Mondlicht spiegelte und vorbei an dem kleinen Wäldchen westlich des Dorfes. Ein Käuzchen schrie, aufgescheucht von ihren Schritten. Schließlich blieb sie stehen.
„Weißt du, wo wir sind?“ Ihr Lächeln ließ ihre Zähne im Mondlicht aufblitzen.
Natürlich wusste Elpje, wo sie waren. Hier waren sie gewesen, als sie zum ersten Mal zusammen losgezogen waren. An dem Tag, an dem sie Freunde geworden waren. Gemeinsam hatten sie darüber gekichert, dass sich hier die Liebespaare aus dem Dorf trafen.
Und nun standen sie hier, zwischen den Disteln. Ein leichter Windzug ließ die Pflanzen erzittern, und weiße Distelwolle löste sich aus einigen Blütenköpfen und schwebte zu Boden.
Fenja sog die Luft in sich ein. „Südwind, Elpje“, sagte sie leise.
Er wollte sie fragen, ob sie mit den Nivesen weggehen würde. Ob sie wollte, dass er ihr folgte. Warum sie nicht einfach hier bleiben und glücklich sein konnten. Doch er sah sie an und schwieg.
Das Mondlicht spiegelte sich in ihren Augen. Sie stand so dicht vor ihm, dass er ihren Atem auf der Haut spürte. Sie roch nach Kräutern und nach reifen Moosberen.
Der Wind wehte ihr eine Haarsträhne ins Gesicht und diesmal zögerte Elpje nicht, sie mit seinen Fingern hinter ihr Ohr zu streichen. Ihre Augen fanden sich und einen endlosen Moment schauten sie einander an. Dann machte sie den letzten, den unüberwindlichen Schritt auf ihn zu.
Fenjas Lippen waren weich. Sie schmeckten nach dem herben Schnaps und gleichzeitig süßer als alles, was er kannte. Elpje fühlte ihr Haar unter seinen Händen und ihre Arme, die sich fest um seine Schultern legten. Das Gras zwischen den Disteln war weich, als sie ihn mit sich zu Boden zog. Ihre Finger glitten über seine nackte Brust, ihr Atem ging schnell. Alles schien sich zu drehen und Elpje wusste kaum, ob er träumte, ob er zu viel getrunken hatte, ob all das wirklich passierte. Fenjas Körper schimmerte im Mondlicht, nackt und gleichzeitig zerbrechlich und unbezwingbar. Er fühlte sein Herz hämmern. Das Gefühl setzte sich im Rest seines Körpers fort, drohte, ihn bersten zu lassen. Sie beugte sich über ihn, presste seine Schultern ins Gras und hörte nicht auf, ihn zu küssen. Ihre Haare fielen wie ein Vorhang um ihre Gesichter. Er sah nur noch sie, fühlte nur noch ihren warmen Körper, hörte nur noch ihre Atemzüge, die sich mit seinen vereinten. Taumel erfasste ihn und mit dem Wunsch, er möge niemals enden, gab er sich ihm hin.

***

Elpje träumte. In seinem Traum war er ein Hase, der vor Wölfen floh, stets in Erwartung der scharfen Zähne, die sich im nächsten Moment um ihn zu schließen drohten. Der heiße Atem der Raubtiere dampfte in der kalten Herbstluft, legte sich wie ein grausames Versprechen um seine zitternden Beine. Schneller und schneller hetzte er voran, über die endlose grüne Ebene. Irgendwo vor ihm war Fenja, war Sicherheit. Dort, zwischen den wiegenden Grashalmen, leuchtete ihr rotes Haar. Mit letzter Kraft entkam er den gierigen Rachen ein weiteres Mal. Er erreichte die Zuflucht. Stolperte, als seine Beine unter ihm nachgaben. Sein Herz hämmerte, drohte zu zerspringen. Seine Augen blickten panisch umher. Hier war keine Fenja. Keine Rettung. Nur die Wölfe. Der Geruch nach Raubtier, nach Blut. Er konnte nicht mehr rennen. Nicht mehr atmen.

Die Zähne gruben sich in sein Fleisch.

Er schrie.

***

Als er aus dem Schlaf schreckte, dämmerte bereits der Morgen. Es war kalt. Als Elpje bemerkte, dass er nackt und nur in seinen Mantel gewickelt im Gras lag, erinnerte er sich, wie er hergekommen war. Er setzte sich auf. Fenja war verschwunden. Hastig zog er sich an, sprang auf die Füße und sah sich um. Das Gras zwischen den Disteln war niedergetrampelt, und ein seltsamer, scharfer Geruch lag in der Luft. Fenjas Kleider lagen am Boden, doch sie war nicht zu sehen. Elpje raffte ihre Sachen zusammen und stolperte davon, auf der Suche nach einer Spur von ihr. Am schlammigen Ufer des Sees fand er die Fährte eines Tieres. War einer der Steppenhunde ihnen aus dem Lager nachgelaufen? Oder hatte sich sogar ein Wolf in die Nähe des Dorfes verirrt? War Fenja am Ende verletzt? Als Elpje einige hundert Schritt weiter Blut im Gras bemerkte, setzte sein Herz für einen Moment aus. Doch dort lag nur ein totes Kaninchen, gerissen von einem Raubtier, das seine Beute liegengelassen hatte.

Als die Sonne aufging, gab er die Suche auf. Er musste ins Dorf zurück, doch er ahnte, dass er Fenja dort nicht finden würde.
Als er am Lager der Nivesen ankam, wartete Kajani bereit auf ihn.
„Ist Fenja hier?“, stieß er hervor. „Ich kann sie nicht finden!“
„Sie ist hier, junger Kuri. Aber du kannst nicht zu ihr. Der Kaskju kümmert sich um sie. Du kannst mir ihre Kleider geben.“
„Aber ich muss sie sehen! Was ist denn los mit ihr? Gestern Nacht ging es ihr doch gut.“
Die Sippenführerin sah ihn eine Weile schweigend an.
„Fenja trägt das Erbe der Manikku in sich. Gurjinjänan, unser Kaskju, hat es vermutet, doch nun ist es sicher.“
„Was soll das heißen? Ist sie krank?“
„Im Gegenteil. Sie trägt etwas Besonderes in sich, und letzte Nacht ist es erwacht. Wir hatten noch nicht damit gerechnet. Ihre Gefühle müssen in großer Aufruhr gewesen sein.“
Elpje schluckte. War er am Ende schuld, dass es Fenja schlecht ging?
„Du musst jetzt gehen. Mach dir keine Sorgen. Sie gehört zu uns, wir kümmern uns um sie. Aber ich muss jetzt nach den Karenen sehen. Sie sind unruhig.“

***

Die nächsten beiden Tage verkroch Elpje sich auf dem Heuboden oder stapfte wütend im Dorf herum. Seine Eltern waren entsetzt gewesen, dass er die ganze Nacht bei den Nivesen verbracht hatte und hatten ihm verboten, noch einmal zum Lager zu gehen. Immer wieder war er kurz davor, sich über das Verbot hinwegzusetzen. Immerhin war er kein Kind mehr. Nicht nach der letzten Nacht. Aber etwas hielt ihn zurück, als wollte er gar nicht wissen, was genau mit Fenja vor sich ging und wieso sie nicht zurückkam. Vom Heuboden aus beobachtete er durch ein Astloch das Haus ihrer Großmutter, doch sie kam nicht. Am Abend des zweiten Tages stahl er einen Krug Most aus der Speisekammer und trank ihn allein leer. Die halbe Nacht lang übergab er sich, ehe er im Morgengrauen endlich erschöpft einschlief.
Er erwachte vom Blöken der Karene.

Als er sich angezogen hatte und aus dem Haus gelaufen war, war die Herde schon fast vorbeigezogen. Unruhig und ungestüm drängten die Tiere nach Süden, und die Nivesen zogen mit ihnen, schnellen Schrittes, lachend und scherzend trotz der schweren Reise, die ihnen bevorstand. Die Steppenhunde liefen zwischen ihnen und schnappten nach zu übermütigen Karenen. Das Stampfen der Hufe dröhnte in seinen Ohren, als Elpje den Findling erreichte. Er kletterte hinauf und ließ seinen Blick hektisch über die davonziehende Sippe wandern. Wo war Fenja?

War sie dort, zwischen den Karenen, die unaufhaltsam nach Süden stapften? War das ihr rotes Haar, das der Wind unter der Wollmütze hervorzerrte und in die Luft wirbelte? Ihre schlanke Gestalt, die langsam immer kleiner wurde und seinem Blick entschwand? Elpje ballte die Fäuste und hätte seinen Zorn am liebsten in den Wind geschrien, diesen schrecklichen Südwind, der ihr Bilder in den Kopf gesetzt und sie von ihm fortgezogen hatte. Tränen schossen ihm in die Augen, trübten seinen Blick und schließlich atmete er aus, eine Mischung aus Seufzen und Keuchen, als die Wut mit der angehaltenen Luft aus ihm wich. Er wollte, dass sie zurückkam. Er wollte, dass sie glücklich war. Er wollte sich für sie freuen und sie gleichzeitig finden und anflehen, nicht zu gehen. Bewegungslos stand er auf dem Findling und starrte den Nivesen nach. Er erinnerte sich an Fenjas blitzende Augen und das Summen in ihrer Stimme, als sie ihn stolz in das Zelt geführt hatte, an das Lächeln, das die Fremden in ihr Gesicht gemalt hatten. Nie zuvor hatte er sie glücklicher gesehen. Mit einer Gewissheit, die er noch nie empfunden hatte, ahnte er, dass er sie nicht wiedersehen würde. Dass die Erinnerung an diese eine Nacht unter dem Madamal alles war, was ihm bleiben würde. Dass er an sie denken würde, wann immer Distelwolle durch die Luft wehte und der Geruch von Moosbeeren sich ausbreitete. Immer mehr Tränen liefen über seine Wangen. Mit eiskalten Fingern wischte er sie fort. Der Wind wurde stärker, kroch ihm unter die Kleider und ließ ihn frösteln. Er hatte nie verstanden, was Fenja hörte, wenn sie dem Pfeifen und Rauschen lauschte, und nun lief sie und sang mit dem Wind, ein Lied, das er niemals hören würde.

Die Nivesen verschwanden langsam am südlichen Horizont. Das Grasland lag leer und verlassen da. Langsam kletterte Elpje vom Findling. Mit schleppenden Schritten machte er sich auf den Weg zurück ins Dorf. Er wischte die letzten Tränen aus dem Gesicht und zog den Wollmantel enger um sich.
Bald würde es Winter sein.

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