Writing 101: Aufgabe 4 – The bad old times

Aufmerksame Leser haben bemerkt, dass ich Aufgabe 3 nicht gemacht habe. Das war nämlich: Schreibe über 3 Songs, die für dich eine Bedeutung haben, und bei sowas bin ich immer ganz schlecht, weil mir dann auf Anhieb so gar kein Lied mehr einfällt, was ich dafür aussuchen könnte. Außerdem war ich spät zu Hause und nicht sonderlich motiviert. Aaaaber: Mir ist gerade eins eingefallen, dass ich mit der heutigen Aufgabe verknüpfen kann. Ha!

Also, Musik ab:

Write about a loss: something (or someone) that was part of your life, and isn’t any more.

Sommer 2007.

In der vorletzten Juliwoche nahm ich eine Schere und schnitt mir alle Festivalbändchen vom Arm. Ich kann mich daran erinnern, dass mein Handgelenk sich danach seltsam und irgendwie nackt anfühlte. Vier Jahre Wacken, dazu alle Metal-Bash-Bändchen, die aus Stoff waren. Jahrelang hatte ich jedes Jahr ein oder zwei weitere gesammelt. Jahrelang waren sie Gesprächsthema auf Konzerten oder an der Uni gewesen, einmal sogar ein Grund, angepöbelt zu werden. (Von einem schnorrenden Mann in der Ubahn: „Ja toll, nach Wacken fahren, aber mir nich mal nen Euro geben!“)

Schnipp-schnapp.

Noch ein paar letzte freie Tage lagen vor mir. Meine Schwester samt Freund kam mich besuchen, wir fuhren ans Meer und in den Zoo, gingen über den DOM, gewannen einen Pokerkoffer und trafen Freunde von mir, mit denen wir dann irgendwann am Hans-Albers-Platz landeten. Natürlich nur für eine halbe Stunde, dann hatten Schwester und Freund genug von der Reeperbahn. Als sie wieder abgereist waren, bügelte ich die neu gekauften Blusen, kochte Essen für die nächsten Tage vor und stellte mir den Wecker jeden Tag eine Stunde früher, bis er am 1. August schließlich um 07:00 Uhr klingelte. Zwei Stunden später begann meine Ausbildung.

Schnipp-Schnapp.

Ich hatte damals keine Ahnung, wie es wirklich sein würde, vollzeit zu arbeiten. Keine Vorstellung davon, dass es nur noch eine Frage von wenigen Monaten war, bis mir „Pizza bestellen und auf dem Sofa versumpfen“ plötzlich als ausgezeichnete Freitagabendgestaltung erscheinen würde. Noch keine Vorahnung des miesen Gefühls im Magen, dass ich hatte, wenn ich montags nach dem viel zu kurzen Wochenende wieder auf dem Weg ins Büro war. Was ich wusste, war, dass etwas zu Ende war. Eine Zeit, die ich abschloss, indem ich ein paar Stoffbändchen von meinem linken Arm entfernte.

Schnipp-Schnapp.

Dass ich nach dem Abi etwas Geistenwissenschaftliches studierte, hatte viel mit Vorliebe und wenig mit Planung zu tun. Ich wusste weder, was ich irgendwann werden wollte noch hatte ich eine Ahnung, welche Studiengänge sinnvoll wären. Also schrieb ich mich für die Fächer ein, die ich in der Schule am liebsten gemocht hatte. Im Nachhinein verwundert es mich kaum, dass ich so grandios an der Uni gescheitert bin. Ich hatte viel zu wenig Disziplin, viel zu wenig Ehrgeiz. Ein anderer Studiengang mit festeren Regelbedingungen hätte vielleicht funktioniert, aber in meinen Fächern stand niemand hinter mir, der mir sagte, was ich zu tun hatte. Also tat ich wenig. Jedenfalls für die Uni. Bis ich nach drei Jahren das Studieren aufgab und mir eine Ausbildung suchte.

Schnipp-Schnapp.

Im Nachhinein betrachtet waren die drei Jahre meines Studentendaseins eine verdammt verdrehte Zeit. Ich ging zur Uni, ich arbeitete bei McDonalds, ich hatte zwei Abende die Woche Bandprobe. Ich traf mich Donnerstags zum Black-Metal-Abend im Headbangers Ballroom, ich fuhr mit meinem Peugot 106 durch ganz Deutschland, um Menschen aus dem Internet™ zu treffen, ich trank jede Woche mehrere Stunden mit irgendwem Kaffee, tingelte mit Kommilitonen an Mittwochabenden durch die halbe Stadt zu einer Schwulenbar und fuhr irgendwann mit dem Nachtbus nach Hause, um am nächsten Tag wieder in die Uni zu gehen, oder eben auch nicht. Ich ging auf Konzerte, fuhr spontan Freunde besuchen, beschloss morgens um halb drei, am nächsten Tag um 09:00 Uhr morgens nach Helgoland fahren zu müssen und fuhr einmal nachts um 1:00 Uhr fünzig Kilometer zur nächsten Autobahnraststätte, um irgendwas aus der Heißen Hexe zu essen. Ich bekam Besuch, der mit mir zusammen tagelang in meinem 8m² großen Wohnheimzimmer lebte. Damals konnte ich noch Alkohol trinken, noch mit vier Stunden Schlaf den Tag überleben und noch lange genug, um ein Konzert zu erleben.

Ich habe so viel gefeiert wie nie davor oder danach. Trotzdem war ich die meiste Zeit unglücklich. Und obwohl ich das weiß und die Jahre auch rückblickend nicht verkläre, vermisse ich sie manchmal.

Ich vermisse die schlechten, alten Zeiten.

Die Festivalbändchen habe ich aufbewahrt.

Und, Fun Fact zum Abschluss: Auch wenn ich anfangs immer mit weißer Bluse im Büro aufgekreuzt bin, stellte sich schnell heraus, dass mein Arbeitgeber zum Glück klamottenmäßig sehr tolerant ist. Inzwischen geh ich auch zuweilen im Doctor-Who-Shirt arbeiten. Vielleicht hätten die Bändchen auch gar kein Problem dargestellt. Aber das werde ich wohl nie erfahren.

„Summer moved on“ habe ich damals wirklich oft gehört. Für mich ist das Lied immer noch verbunden mit dem Gefühl, notwendige oder unausweichliche, aber irgendwie auch traurige Veränderungen hinzunehmen.

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2 Kommentare zu “Writing 101: Aufgabe 4 – The bad old times

  1. So wie du es beschreibst, war es eigentlich eine ziemlich geile Zeit – und trotzdem unglücklich? 😦 Ist es denn jetzt besser?

    • Ja, irritierenderweise bin ich trotz viel zu viel Arbeit, zu wenig Kreativität und endlos viel mehr Migräne als damals (TM) zufriedener. Aber das liegt glaub ich einfach daran, dass ich damals mit mir selber unzufrieden war und mich inzwischen mit mir eingerichtet habe.
      (Trotzdem wär ich natürlich noch ab und zu gerne mal wieder jünger, fitter und mit mehr Zeit gesegnet oder würde gerne mal wieder spontan mittwochabends tanzen gehen *g*. Du warst damals doch auch ab und an dabei im Kir, oder?)

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